Forschungsgruppe THICS

Entwicklung und Evaluation des Therapieprogramms für Kinder und Jugendliche mit Tic-Störungen

Obwohl die Methode der Reaktionsumkehr (habit reversal) sich in mehreren Studien als wirkungsvoll erwiesen hat, liegt bislang noch kein deutschsprachiges Therapieprogramm vor. Ziel des Projektes ist die Entwicklung und Evaluation des Therapieprogramms für Kinder mit Tic-Störungen (THICS). 

Das Therapieprogramm ist mittlerweile publiziert (Woitecki & Döpfner, 2015). In einer Pilotstudie wurden zunächst im Eigenkontrollgruppendesign die Bausteine des THICS-Programms erprobt und erste Hinweise auf die Wirksamkeit des Programms erhoben sowie die Stabilität der Effekte überprüft und belegt. (THICS-1, THICS-2; Woitecki, 2012; Woitecki & Döpfner, 2011, 2012).

Im Rahmen einer randomisierten Kontrollgruppenstudie soll die Wirksamkeit von THICS im Vergleich zu einer ressourcenaktivierenden Intervention (STARK) geprüft werden. 100 Patienten im Alter von 8 bis 18 Jahren mit der Diagnose einer chronisch motorischen oder vokalen Tic-Störung bzw. einer Tourette-Störung sollen nach einer achtwöchigen Diagnostik- und Wartephase per Zufall entweder einer 16-wöchigen verhaltenstherapeutischen Behandlung mit dem Therapieprogramm THICS oder einer ebenfalls 16-wöchigen Therapie mit der supportiven Therapie zur Aktivierung von Ressourcen bei Kindern (STARK) zugewiesen werden. Hauptzielkriterium ist die Verminderung der Tic-Symptomatik. Es werden sowohl Verhaltensbeobachtungen als auch Eltern-, Selbst- und klinische Urteile zur Erfassung der Tic-Symptomatik eingesetzt. Darüber hinaus werden noch weitere Zielkriterien, wie beispielsweise die Lebensqualität erfasst. Neben einem Intergruppenvergleich soll auch ein Intragruppenvergleich durchgeführt werden. 

Bislang wurde aus dieser Studie der Eigenkontrollgruppenvergleich zur Wirksamkeit des Therapieprogramms THICS publiziert (Viefhaus et al., 2018). Dabei zeigten sich im Verlaufe der Therapiephase auf allen Maßen (Tics, Beeinträchtigung, Kontrollierbarkeit) signifikante Veränderungen mit überwiegend mittleren bis großen Effektstärken. Im Vergleich zu der interventionsfreien Wartephase zeigte sich jedoch lediglich eine Überlegenheit im klinischen Urteil (YGTSS), in den Videobeobachtungen der motorischen Tics sowie in der selbstbeurteilten Kontrollierbarkeit. Außerdem wurde der Eigenkontrollgruppenvergleich zur Wirksamkeit des Supportiven Therapieprogramms zur Aktivierung von Ressourcen bei Kindern (STARK) publiziert (Viefhaus et al., 2019). Dabei zeigten sich signifikante Verbesserungen im Eltern- (FBB-TIC) und klinischen Urteil (YGTSS) sowie in der Videobeobachtung (motorischer Tics, Spielsituation) mit kleinen bis mittleren Effektstärken. Außerdem konnte eine signifikante Verbesserung auf fast allen Tic-bezogenen Beeinträchtigungs- und Belastungsmaßen mit überwiegend mittleren Effektstärken gefunden werden. Eine Überlegenheit der Therapiephase gegenüber der Wartephase zeigte sich lediglich im klinischen Urteil und in den Videobeobachtungen (motorische Tics, Fragebogensituation).

Finanzierung

  • Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln (AKiP)
  • Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln (HAPUK)
Publikationen

Bätz, K., & Döpfner, M. (2009). Tic-Störungen. In F. Petermann (Hrsg.), Fallbuch der klinischen Kinderpsychologie und -psychotherapie (3. Aufl., S. 143-156). Göttingen: Hogrefe

Döpfner, M. (2009). Tic-Störungen. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie (Vol. 3): Springer-Verlag.

Döpfner, M. & Reister, C. (2000). Tic-Störungen. In F. Petermann (Hrsg.), Fallbuch der klinischen Kinderpsychologie und -psychotherapie (2. Aufl., S. 71-96). Göttingen: Hogrefe.

Döpfner, M., Roessner, V., Woitecki, K. & Rothenberger, A. (2010). Tic-Störungen. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 13. Göttingen: Hogrefe.

Döpfner, M., Roessner, V., Woitecki, K. & Rothenberger, A. (2010). Ratgeber Tics. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Ratgeber Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 13. Göttingen: Hogrefe.

Döpfner, M. & Rothenberger, A. (2007). Tic- und Zwangsstörungen. Kindheit und Entwicklung, 16, 75 - 95.

Döpfner, M. & Rothenberger, A. (2007). Behavior therapy in tic-disorders with co-existing ADHD. European Child & Adolescent Psychiatry (supplement I), 16 Suppl 1, 89-99.

Döpfner, M. & Rothenberger, A. (2008). Tic-Störungen. In F. Petermann (Hrsg.), Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie (6. Aufl., S. 311 - 326). Göttingen: Hogrefe.

Roessner V, Ludolph A, Mueller-Vahl K, Neuner I, Rothenberger A, Woitecki K, Münchau A: Tourette Syndrom und andere Tic-Störungen im DSM-5 – ein Kommentar. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 42(2), 2014.

Viefhaus, P., Feldhausen, M., Görtz-Dorten, A., Volk, H., Döpfner, M., & Woitecki, K. (2018). Efficacy of habit reversal training in children with chronic tic disorders –  a within-subject analysis. Behavior Modification (epub). doi: 10.1177/0145445518796203

Viefhaus, P., Feldhausen, M., Görtz-Dorten, A., Volk, H., Döpfner, M., & Woitecki, K. (2019). A new treatment for children with Chronic Tic Disorders - Resource Activation. Psychiatry Research, 273, 662-671.

Woitecki, K., & Döpfner, M. (2011). Die Wirksamkeit der Reaktionsumkehr-Behandlung bei Kindern und Jugendlichen mit Tic- und Tourette-Störungen - eine Politstudie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 39, 387–397.

Woitecki, K., & Döpfner, M. (2012). Tic-Störungen. In G. Meinlschmidt, S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 4: Materialien für die Psychotherapie (S. 629-636). Berlin: Springer.

Woitecki, K., & Döpfner, M. (2012). Veränderung komorbider Symptome und subjektiver Beeinträchtigung bei einer Reaktionsumkehr-Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Tic-Störungen – eine Pilotstudie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 40, 181-190.

Woitecki, K., & Döpfner, M. (2015). Therapieprogramm für Kinder und Jugendliche mit Tic-Störungen (THICS). Göttingen: Hogrefe.

Dissertationen

Volk, H. (2018) Konzeption und Evaluation eines Fragebogens zur Erfassung der Funktionsbeeinträchtigung und gesundheitsbezogener Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen mit einer Tic-Störung im Selbst- und Elternurteil. Dissertation, Medizinische Fakultät der Universität zu Köln

Woitecki, K. (2012) Konzeption und Evaluation eines kognitiv- behavioralen Therapieprogrammes zur Behandlung von Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Dissertation, Medizinische Fakultät der Universität zu Köln

Masterarbeiten

Ruch, A. (2017). Validität von Videobeobachtungen einer Kinder- und Jugendstichprobe mit Tic-Störungen. Masterarbeit Psychologie, Universität zu Köln.

Viefhaus, P. (2012). Follow-up zur Wirksamkeitsstudie eines Reaktionsumkehrtrainings bei Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen. Masterarbeit Psychologie, Universität zu Köln. 

Wälde, C. (2017). Videobeobachtungen bei Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen: Reliabilitäten der Beobachtung und Situationsabhängigkeit der Tics. Masterarbeit Psychologie, Universität zu Köln.

Aktuelle Teilprojekte

THICS-2: Stabilität der Effekte von THICS

Stabilität der Effekte von THICS– Ergebnisse aus der Eigenkontrollgruppenstudie 

Forschungsteam
Katrin Woitecki, Paula Viefhaus & Manfred Döpfner

Laufzeit
Voraussichtlich bis 2020

Zielsetzung
Ziel der Pilotstudie ist die Überprüfung der Stabilität der Effekte mit dem Therapieprogramm für Kinder und Jugendliche mit Tic-Störungen.

Methoden
Die in der ersten Eigenkontrollgruppenstudie behandelten Kinder werden nach Abschluss der definierten Intensivbehandlung entsprechend der individuellen Restsymptomatik weiter behandelt. Die Langzeiteffekte der Therapie werden im Abstand von 3 Monaten und 3 Jahren geprüft.

Ergebnisse 
Die Ergebnisse der 3-Jahres-Katamnese belegen eine Stabilisierung der Therapieeffekte (Viefhaus, 2012).

THICS-3: Funktionsniveau bei Tic-Störungen

Reliabilität und Validität des Fragebogens zur Erfassung der Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen (Eltern- und Selbsturteil)

Forschungsteam
Helene Volk (federführend), Marion Feldhausen, Anja Görtz-Dorten, Paula Viefhaus, Katrin Woitecki (koordinierend) & Manfred Döpfner

Laufzeit
Voraussichtlich bis 2020

Zielsetzung
Ziel der Studie ist die Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung der Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen im Eltern- und Selbsturteil und die Überprüfung der Reliabilität und Validität dieses Verfahrens. 

Methoden 
Die Analysen sollen anhand einer Stichprobe von 100 Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 19 Jahren mit Tic-Störungen durchgeführt werden, die im Rahmen der Studie zur Wirksamkeit des Therapieprogramms THICS rekrutiert wurden. 
Diese Fremd- und Selbstbeurteilungsbögen zur Lebensqualität unter Tic-Symptomatik (FBB- / SBB-QOL-Tic) erfassen die Lebensqualität bei Tic-Störungen und komorbider Symptomatik der Patienten. Die Fragen können dementsprechend getrennt nach alltäglichen Schwierigkeiten, die durch die Hauptdiagnose Tic und Begleitproblematik entstehen, auf einer vierstufigen Skala beurteilt werden. Der Bogen wird als Elternversion und paralleles Selbsturteil ab acht Jahren zu den Messzeitpunkten T0, T1, T3 und T4 eingesetzt. 
Über Item- und Konsistenzanalysen sollen die Reliabilität des Fragebogens überprüft werden. Danach soll die konvergente und divergente Validität durch Korrelationen mit Verfahren zur Erfassung von Tic-Störungen und komorbider Symptomatik überprüft werden. 

Ergebnisse
Es konnte gezeigt werden, dass Tic-Störungs-Patienten in vielfältiger Weise durch Tics und andere Probleme Schwierigkeiten wahrnehmen und dass Eltern und Patienten selbst dies teilweise unterschiedlich einschätzen. Die Trennung zwischen Selbst- und Elternurteil, Funktionsbeeinträchtigung, Gesundheitsbezogene Lebensqualität, allgemeine Lebenszufriedenheit, Tics und anderer Probleme erscheint vielversprechend: Die Bereiche, Skalen und Urteile hängen vielfach zusammen, zeigen jedoch auch teilweise signifikante Mittelwertunterschiede. Dies zeigt sich auch hinsichtlich der Retest-Reliabilität (8 Wochen). Erklärung findet dies unter anderem durch unterschiedliche Beurteilungs- und Bewertungsprozesse. Die Übereinstimmungsvalidität mit anderen Verfahren konnten nur teilweise bestätigt werden. Als wichtigste Determinante für die Tic-bezogene Lebensqualität stellte sich im Selbsturteil sowohl die Tic-Kontrollierbarkeit, als auch die Tic-Symptomstärke und im Elternurteil nur die Tic-Symptomstärke heraus. Die allgemeine Lebenszufriedenheit wurde im Selbsturteil am stärksten durch die Tic-bezogene Lebensqualität und im Elternurteil durch die Funktionsbeeinträchtigung bedingt durch andere Probleme vorhergesagt (Volk, 2018). 

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